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Saatgut

Hybrid-Saatgut: Vor- & Nachteile

Wie im Infomail vom 7.9. geschrieben, hatten wir diesen Sommer sehr grosse Broccoli-Köpfe. Diese stammen von Setzlingen, welche wir vom Guggenbühl geschenkt bekommen haben (sonst wären sie kompostiert worden). Das finden wir sehr nett (danke, Guggi!) und sinnvoll. Die Köpfe sind so auffällig gross, weil es sich um konventionelle Hybridsorten handelt – und da möchten wir euch gerne einige Hintergrundinformationen dazu geben, denn diese Setzlinge stellen für uns in vielem eine Ausnahme dar.

Erstens ziehen wir möglichst alle unsere Setzlinge selbst an. Einige müssen wir aber zukaufen, entweder weil es früh im Jahr ist und wir kein temperiertes Gewächshaus haben, und so keine frühen Setzlinge produzieren können. Oder – dieses Jahr mehrmals geschehen! – die Schnecken fressen soviele Male die ausgepflanzten Setzlinge ab, dass die Zeit im Jahresverlauf nicht reicht, eigene nachzuziehen (das geht ja immer einige Wochen, bis diese gross genug für aufs Feld sind, und das kann schon zu spät sein).

Wenn wir zukaufen, dann kaufen wir Bio-Setzlinge und wir kaufen Bio-Saatgut. Beim Saatgut achten wir zusätzlich zur biologischen Produktion darauf, dass wir offen abblühendes oder (ein anderes Wort dafür) samenfestes Saatgut verwenden.

Samenfest heisst: Es ist möglich, von diesen Pflanzen das Saatgut zurückzubehalten und nächstes Jahr wieder auszusäen und die Pflanzen werden wieder sehr ähnlich. Das «Gegenteil» von samenfesten Saatgut ist Hybrid-Saatgut – im ersten Jahr produziert das Hybridsaatgut superschöne und einheitliche Pflanzen. Wird das Saatgut jedoch zurückbehalten und im zweiten Jahr ausgesät, gibts ein Nachkommen-Chaos: einen bunt gemischten Haufen mit Pflanzen unterschiedlichster Eigenschaften und verminderter Leistung.

Die Samen zurückzubehalten ist beim Hybridsaatgut somit zwar theoretisch möglich, aber weder lohnenswert noch sinnvoll, mit dieser zweiten Generation kann kaum etwas geernet werden. Gewonnen wird das Hybridsaatgut wird folgendermassen: Die beiden Elternlinien werden wiederholt mit sich selbst gekreuzt, was zu einer Inzucht-Depression führt (=kümmerliche Pflanzen). Dann werden sie untereinander gekreuzt – wieder neues Erbmaterial, wow, der Heterosis-Effekt tritt ein und diese neue Generation (die Hybridgeneration oder F1-Generation) ergibt schöne, gleichmässige, ertragreiche und robuste Pflanzen.

Toll? Klar, das gibt einige Vorteile, deshalb wird Hybridsaatgut auch von der überwiegenden Mehrheit der Produzent*innen genutzt und vom Handel gefordert. Warum wir trotzdem möglichst auf Hybridsaatgut verzichten?


Warum wir samenfestes Saatgut bevorzugen

Einerseits, weil Hybride für den Lebensmittelhandel gezüchtet sind: Optik, Transportfähigkeit und Krankheitsresistenz stehen im Vordergrund. Aromen und Inhaltsstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe sind hingegen weniger prioritär – aber genau das finden wir ja als Gemüseesser*innen wichtig!

Andererseits sind es die globalen Zusammenhänge, die für uns samenfestes Saatgut so wichtig machen. Im Gegensatz zum Hybrid-Saatgut kann das samenfeste Saatgut selbst nachgezogen werden – Saatgut vom letzten Jahr kann zurückbehalten und im nächsten Jahr wieder ausgesät werden, und die genetischen Eigenschaften bleiben weitgehend erhalten. Während für uns diese Möglichkeit eher ein Luxus ist, ist es für viele Produzent*innen in ärmeren Ländern eine Notwendigkeit zum Überleben.

Und genau dies wird weltweit eingeschränkt: Einerseits durch die Verbreitung von Hybrid-Saatgut, welches nur teuer von grossen Saatgutfirmen erhältlich ist und die Wiederaussaat sinnlos macht, andererseits durch Patente und Gesetze, die eine Wiederaussaat kriminalisieren.

Dazu kommt, dass mit dem Verschwinden von tausenden von lokalen Sorten die genetische Vielfalt stark leidet – die Sorten sind nicht mehr regional angepasst und der engere Genpool macht es immer schwieriger, auf neue Krankheiten oder auf Klimaveränderungen zu reagieren. Wir finden dies ein sehr spannendes und wichtiges Thema und können hier natürlich nur einen kleinen Anstoss geben.

Wer mehr wissen will: ProSpecieRara oder PublicEye bieten einen guten Info-Startpunkt.